michael herrschel:
atalja

 

Aber das stimmt doch gar nicht!
Nein!
Es ist alles – verzerrt!
Wer hat euch aufgehetzt?
Gesagt, was ich bin?
Hört: Jedes Wort, jedes,
das an meinem Namen klebt,
kann eine Lüge sein.
Ich schwöre!

Verwirrt es euch,
dass ich hier stehe?
Und atme? Und rede?
Ich: die Schuldige?

Schuldig: Was ist das?
Es war ein Spiel!
Ich spielte. Und verlor.
Und eine andere gewann.

Stieftochter, Prinzessin:
Du warst mir immer
einen Zug voraus.

Wie kommt es,
dass deine Hände rein
und unbefleckt aussehen?

Um dich ist
ein Meer von Blut.
Warum sagst du,
ich hätte das vergossen?
Soll ich bezahlen für Taten,
die dir nützlich sind?
Und dein Kind,
das schreiende, kleine,
soll auf den Thron gelangen?

Sieben Jahre hast du darauf gewartet,
mich so zu verhöhnen!
Aber du musst mir schon
den Hals brechen,
wenn du die Krone rauben willst,
die Krone, die mir gehört,
mir allein!

Oder willst du das auch
von anderen ausführen lassen?

Wo sind sie?
Die Hände,
die sich vergreifen
an mir, der Königin?

Wo sind Gesichter,
die meinem Blick standhalten?
Schaut:
Ich habe keine bösen Augen.

Kommt näher, ihr alle!
Sagt frei heraus:
Was kränkt euch, dass ihr
den Lügen über mich
Glauben schenkt?

Ihr Wachleute:
Gab ich euch zu wenig Lohn?
Kommt: Rechnet mir vor,
was ihr zum Leben braucht!

Was ist mit euch: Kaufleute, Landvolk?
Habe ich euch
die schlechte Ernte beschert?
So verklagt mich vor dem großen Baal!

Ihr aber, Schreibknechte, hört:
Wenn ich sterbe,
wird nie ein Mensch erfahren,
was wirklich geschehen ist!

Ich bin der letzte Widerspruch
zu allem hier.
Die letzte Zeugin
des Hauses Omri.

Mit mir verschwinden
die fremden Namen
aus euren Liedern.
Zerstäubt der Duft
wilder Blumen von Shomron.
Erlischt das Licht
heiliger Sterne von Sur.

Mein Leben: ich geb es
in eure Gewalt.

Seid ihr sicher,
dass ich schuldig bin?

Tötet mich!
Seid ihr sicher?

Seht mich an.

Ich bin bereit!

copyright by michael herrschel (gema-nr. 704152)