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michael herrschel:
revolte

 

Der Wind saust um die verhassten Mauern. Schwestern, hört auf zu schnarchen! Heute fliehen wir aus dem Grab.

Wie lange dauert es nur, bis der Wagen kommt? Die Vögel sind schon wach. Zwitschern in den Bäumen wie wild. Hört ihr? Ich möchte auch so singen. So hell, so frei. Für euch, Schwestern, und für die Welt.

Ich will sie sehen, die Welt. Und leben wie ich will, ohne die Alten und ihr Gekrächze: Mach dies, mach das! Sie werden Gesichter ziehen, wenn sie merken, dass wir verschwunden sind.

Warum ist die Straße so leer? Was flüstert ihr? – Ist unter euch eine Verräterin? Es gibt kein Zurück! Wir haben es uns geschworen!

Aber halt: Da rührt sich was in der Luft! Endlich. Es wiehert, es rattert, es lärmt. Ja! Um die Ecke rollt ein Kaufmannswagen. Schwestern, es ist soweit!

Schnell, klettert hoch! Bloß nicht umschauen. Es ist vorbei. Glaubt mir, alles ist besser als diese Totenkammer.

Versteckt euch hinter den Fässern. Schnauft leise, schnattert nicht. Es duftet nach Heringen. Habt ihr Angst? – Halleluja: Es rumpelt. Es geht los. Auf, in die schmutzige Stadt. Auf zu den gelehrten Rüpeln, die ganz ausgehungert sind. Die kein Benehmen haben. Was wollen die von uns? Dass wir uns prügeln lassen? Ihnen schön tun, und Bier brauen? Die Armen! Von denen fängt mich keiner ein. Ihr lacht, Schwestern? Ihr werdet es sehen!

 

copyright by michael herrschel (gema-nr. 704152)

 

 

michael herrschel:
glasbild mit steinen

 

Mitternacht. Ich bin am Ziel. An meiner Schulter ruht ein schwarzer Mehlsack. O du mein sattgesungener, müdgegähnter, grausam schnaufender Held…

Aber du: Wach auf aus deinem Schlaf! Da sind Leute an den Fenstern. Schau, hier! Und da! Und dort! Was hat das zu bedeuten: dass wir im gläsernen Häuslein sitzen, und alles glotzt und stiert herein mit geilen Augen?

Was hast du ihnen versprochen? Dass wir ein himmlisches Leben aufführen? Kinder zeugen vor ihren Augen: hochheilige Giganten? O nein, mein Freund, ohne mich!

Weißt du was, mein Schläfer? Ich rufe die Bauern. Die Totgeschlagenen. Ha! Da wirst du wach. Oder nicht? Du: Ich kann auf den Fingern pfeifen. – Siehst du? Sie stehen auf. Schaurig, mit blinden Gesichtern, Augen von Raben ausgepickt. Sie humpeln herüber von Äckern, wo niemand sie begrub. Ihre sehnigen Hände, vom Arbeiten kräftig, sind noch nicht kalt. Sie greifen nach Steinen. O ja, kommt nur näher! Hier gibt es ein Fest. Ich brauche euch! Seid lustig, schreit!
Ich zeig euch die Schritte zum bäurischen Reigen!
Heißa! Heißa!
Ich lass euch das gläserne Häuslein zerschmeißen!!

Aber du, verbirg dich, mein Freund! Mach dich klein wie ein Kind. Ich trage dich fort. Ich weiß, du bist ein federleichter Stein. Und laut! Und singst so süß. Wo hast du deine Triller gelernt? Du stolzer Nachtigallen-Hahn! Und wo dein rasselndes Dröhnen? Du feuerrote Kartaune! Ach, du predigst wie im Schlaf und ohne Ohren! Du Schuft, bestich mich nicht mit deinem Tenor! Komm, komm, schweig einmal.
Dann singe auch ich dir: Von weiten Fernen, wo niemand uns kennt. Von Gärten. Von fremden Früchten. Und wir, innig verschlungen, fänden Ruhe unter der Decke der Sterne – – –
Hast du gehört? Hörst du mich, Martinus? Schläfst du noch immer?
O nein!
Wach auf! Wach doch auf!

 

copyright by michael herrschel (gema-nr. 704152)

    

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