michael herrschel:
lilith

 

In der Wüste wird es eng.
Die Tiere der Nacht schlagen Alarm,
aufgescheucht von den vielen,
die aus der Asche der Städte
entkommen sind.

Aber die anderen sind auch hier.
Sie jagen die Träume.
Träume, die in Höhlen
wehrlos zittern.
Bilder, Augen.

Sie hassen Gesichter,
das Mienenspiel,
Muskeln an Fäden der Gedanken,
die niemand,
niemand festhält.

Sie fürchten
die unbeherrschten Sinne.

Verfluchen
mit rauher Kehle
den Spuk des Wissens.

Schießen
im Zwielicht auf alles,
alles:
die Farbe der Blüten,
den Augentrug,
das Lachen und Staunen,
die Lust kleiner Kinder,
frei zu sein,
frei…

– – – – – – – – – – – – – –

Alles auslöschen,
und niemand erinnert sich.
Das ist:
Nur noch da sein
ohne zu atmen –
Lebendig begraben!
Geboren bloß
um gefangen zu sein,
in Ketten zu liegen
mit verhülltem Gesicht…
Wer das nicht will
flieht,
flieht!

– – – – – – – – – – – – – – –

Schatten von Gewehrläufen
suchen dich.
Ich lenke sie ab.
Lähme den Finger
am Abzug.

Sei lautlos. Du
entkommst nur
auf den Fährten
der Schakale.

Steigst
in den Rachen,
in eine Schleuse
schmäler
als deine Schultern.

Was du hast
gibst du her,
alles
ohne Rest,
für einen Fingerbreit Licht
im Land
hinter dem Tod.

copyright by michael herrschel (gema-nr. 704152)