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michael herrschel:
zirkustochter

 

Vater! Deine fliegenden Klingen schwirren,
blinken, drehn sich, schlagen ins Holz!
Geschliffener Stahl überm Scheitel.
Bei den Ohren. Am Hals!
Ich bäume mich auf, mein Vater.
Seh dir ins Auge. Du bist schlau.
Hast mich gefesselt und meine Arme
frei gelassen: damit ich spiele.
Ja, ich spiele: bis dir die Hände sinken,
bis dir die Messerwürfe schier vergehn.
Ich tausendfingriges Geschöpf,
Prachtexemplar deiner Wunder-Manufaktur:
Ich spiele! Es fließen Tränen der Rührung.
Ach je: Ein schlaksiger Träumer betet mich an.
Betörend poetischer Bengel: Komm herbei,
heb deine Finger an die meinigen,
Spitze für Spitze. Wir machen draus
einen gotischen Bogen:

Consurget figura,
Format fenestram
Wie sehn deine Hände aus?
Ostendit claritudinem
Pfui, so fette Mausefinger!
Einer hängt in der Falle. Weg damit!
Et lux coelestis effunditur : Ich will
himmlisches Licht. Rein. Heiter. Frei.

Der Vater schläft. Lautlos ziehst du seine Messer
aus dem Holz und legst sie auf die Erde. – Robert?
Nein! Nicht werfen! Der Vater wacht auf. Schreit.
Oh, ihr blamiert mich vor den Leuten. Und ich:
Spiele! Spiele, dass die Sterne verblassen,
die Engel tot vor Neid vom Himmel fallen.
Und ihr? Balgt euch um das Klimpergeld.
Ihr Bestien! Streitet um die Goldeselin,
die Aufziehpuppe im Strahlenkranz
der scharfen Klingen, die ihr Gesicht
umzittern: Schön! Ach, wie schön!

 

copyright by michael herrschel (gema-nr. 704152)

 

 

michael herrschel:
alpha trianguli

 

Musik, neue Musik:
ein Rätsel für die Ewigkeit.
Berufene sprechen es aus. Wir beide.
Unbeirrt vom fressenden Zweifel,
vom rauschenden Beifall, vom tückischen
Gezisch der schönen Welt fühlen wir
den Anhauch der Unsterblichkeit.
Lösen uns von der schmutzigen Erde.
Laufen hinaus in die ungekannte,
unermessliche, schwindel­erregende
nachtschwarze Weite des Alls.

Dort warten verblichen und kalt
die großen alten Sternenzüge.
Wir befreien sie von Staub und Asche:
den Widder, die Andromeda.
Dazwischen, auf leerem Feld,
bilden wir selbst ein Zeichen.
In brennender Lust scheinen wir
hinunter auf die Erde. Ein ewiges
Doppelgestirn: Du das geheime A,
und ich das B, das öffentliche.
Dir friedlich beigesellt, muss ich
ein wenig heller leuchten,
wenn du verstockt verstummst,
an Flammen dich verschluckst,
entgleitest in Traumtrunkenheit.

Lass dich ansehen. Ganz tief.
In deine geisterhaften Strahlen
mischt sich das Funkeln

eines dritten Sterns.
Triangulum… Glückliche Verwirrung.
Reifliches Verschweigen.
Ein rieselnder Schauer durchfährt mich.
Eiskristalle, frostige Gespinste,
grausam glitzernd. Fremdes Klirren
fegt alles Empfinden aus mir fort.

 

copyright by michael herrschel (gema-nr. 704152)

    

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