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michael herrschel:
mirjam-lieder

 

1

Sklavenkind

Du hast geschrien!
Mosche, ich höre dich:
mein verschollener,
winzig kleiner Bruder.

Ich höre dich seit dem Tag,
an dem die Mutter dich
aus dem Schoß gepresst
und ängstlich scheu
vor uns verborgen hat.

Seitdem kreist in mir
der Widerhall
von deiner Stimme.

Du hast geschrien:
so gellend, so roh,
so bodenlos verzweifelt.

Als hättest du das alles hier
erfasst und geklagt:

Wie unerträglich
dieses Leben in Ketten!
Also kommt: Steht auf!
Zersprengt sie!

Mosche, ich hätte gerne
dein Gesicht gesehen.
Deine rote Stirn.
Deinen offenen Mund.

Ich durfte nicht. Sie haben
uns Geschwister verscheucht.

Und du bist verstummt.
Warum? Ich finde es heraus.

Ich sah etwas.
Sie glaubten sich allein
in der Dämmerung.

Da haben sie ein Boot,
ein furchtbar kleines,
in die Flut gesetzt.
Gemurmelt, gewimmert
und ihm nachgeschaut,
bis es ganz fort getrieben war.

Mosche! Mosche!
War das dein Grab?

Ich muss hüten,
was mir blieb:
Reste von deiner Stimme,
vermischt mit dem
eigenen Herzschlag,
der in den Ohren dröhnt
wie verrückt und überlaut!

Ich bändige die Schreie.
Ich ziehe aus ihnen
die geheime Sprache,
die unsere sein wird.

Mosche! Gib acht,
wie ich uns Wörter mache.
Ich fasse sie – und
lege sie vorsichtig
in deinen Mund…

 

2
Zwei Holzpuppen

Mörderische Mittagshitze.
Flirrend kriecht sie auf Stein.
In dünnen lufthellen Fladen.
Schiebt ihr zitterndes
durchscheinendes Quallenfleisch
über die Dächer des Palastes.

Drinnen aber, im Gewölbe:
unbewegte tiefschwarze
gottkönigliche Totenkühle.

Durch das uralte Grabtor
gehst du hinein. Du. Nicht ich.
Mit Blicken umfange und lenke
und strecke und leite ich dich:
Mein Bruder. Groß gewachsen.
stark und reif geworden für die
Kriegserklärung an den Feind.

Den Kopf gebeugt: Ruckweise
stolperst du voran. Folgst mir.
Mosche! Fühlst du es? Wie ich dich
an Fäden ziehe? Dich aufrichte?
Schritt für Schritt, Glied um Glied
in blanker schwellender Empörung?

Fehlt noch das Mundwerk! Sprich,
wie ich dir sage: Zögere nicht!
Jetzt stehst du vor dem Thron.
Jetzt musst du reden, Mosche!

Ach: deine Zunge klappert leer
im hölzernen Rachen. Mosche!
Stoß es heraus: dass wir uns rächen.
An ihm! Sag das zu ihm! – Ja! – Ja!

Schau: wie er zusammenzuckt.
Herabklettert von seinem Stuhl.
Und auf dich zukommt. Müde.
Ungelenk. Hab keine Angst!
Sein Hohnlachen, knarzendes
Geblöke: ohnmächtig gegen uns!

Sein Krummstab, seine Geißel,
umklammert mit den morschen
Fingern, schrecken uns nicht!
Sein ledriges Gespenster-Antlitz:
Es droht nur denen, die auf dem
Boden vor ihm kriechen!

Du aber: Vertraue den Händen
deiner Schwester! Lass mich
dich stolz und aufrecht halten!

 

 

3
Durchs Meer. Luzider Traum

Man hat mich erkannt und
man hat mich verwünscht.

Bitterkeit und üble Schmähung
raunen sie, die sich betrogen fühlen
und die Welt nicht mehr begreifen.

Sie rufen in den Strom der Zeit:
„Stillgestanden! Alles zurück!“

Ach, diese geifernden Befehle
aus halb verwesten Mäulern.

„Verräterin!“ schimpfen sie mich.
Verräterin am herrschenden Volk?

Bin ich das? Ich weiß genau:
Ich bin nichts weiter als mein Lied.
Und gefährlich nur, weil es ihre
Angst und Qual entblößt:

ihr ganzes Reich des Wahnsinns,
das morgen schon untergeht. Denn
jenseits ihrer Grenzen sind wir frei.
Frei. Ohne ihre Erlaubnis.

„Böse Hexe! Beschwörerin blutiger
Träume!“ So nennen sie mich.
Empören sich über die Dinge,
die geschahen vor unserer Flucht.

Und sie tauchen ihre Pfeile in Gift.
Und sie spannen die Bögen und
schießen und schießen und schießen.

Ins Leere. Wir sind schon weit.
Unerreichbar. Und das Wasser:
Es teilt sich vor unseren Augen.
Es türmt sich zu donnernden
Gebirgen. Links und rechts.

In der Mitte das nasse Tal:
Da lauft hinein! Mir nach:
auf den Grund des Meeres!

Spürt ihr den Wind?
Der uns auf diese glitschige
Straße zerrt und reißt?
Vorbei an den salzigen Fluten
und mächtigen ungeheuren
Schwärmen von Fischen?

Nach uns wird niemand je
hier gehen! Niemand!

Wer folgt, wird erschlagen
von den Mauern, den tosenden,
brandenden, die uns im Rücken
zusammenstürzen. Jetzt! – – –

Ich träume. Ich schreie:
Seht ihr da vorne
den hellen Schein?

Da ist wieder Land!
Und über dem Land
ein Flaum von Licht…

Fieber überkommt mich.
Wir sind gerettet, und
alles rennt und rast im
Herzschlag meiner Pauken!

 

 

4
Tanz der Befreiten

Die Füße zittern.
Und es schüttelt uns vor Lust.
Und wir betreten diesen Garten.
Sehen Bäche fließen. Feigen
an den Bäumen hängen.

Niemand hindert uns,
drauf zuzulaufen. Kommt!
Greift in die Äste! Los!

Warum erschreckt ihr?
Weil der Boden schwankt
und nachgibt? Weil das Meer
noch grollt in euren Adern?

Ich zeig euch was! Droben
am Himmel. Die helle Wolke:
Sie ist es, die vor uns tanzte,
als wir durch Schilf und
Schlamm gezogen sind.
Und sie tanzt noch immer.

Hört mein Lied. Springt auf!
Tanzt wie sie: die uns hinaus
in die Freiheit gelockt hat!
Wie sie: atmende Woge
aus Rauch und Feuer!
Wie sie: allen Schmerz
versengender Himmelswind!

– – – – – – – – – – – – – – – –

Und der Garten vergeht
im Licht. Gräser, Wipfel,
Zweige blühen rot. Und
knistern. Und rollen sich
zusammen zu Asche.
Weh, schöner Traum!

Und vor uns breitet sich
ein anderes Meer: endlos
ohne Ufer. Überall Sand
und Felsen. Glühende Öde.

Steinern, ausgedörrt
wie deine Zunge,
mein stummes Geschwister.
Mosche: Horch!
Wir wollen uns beraten.
Fragen und suchen:
Wo gibt es Wege durch
das unbetretene Nichts?

 

copyright by michael herrschel (gema-nr. 704152)

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