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michael herrschel:
geisterstimme

 

1

hirtenknabe

 

Auf dem Sand eingeschlafen
mittagsschwer
im Pochen der Stille
ruht mein Psalm

Erstarrte Finger
taub vom Kopf der darauflag
greifen
in saitenlose Luft
suchen Antwort
auf den Traum

Von fern schreit
die Herde

 

 

2

am fluss

 

Sandkörner
Durch meine Finger
fallen sie
in spiegelnde Wellen
hinunter
auf den Grund

Da ist etwas
hat eine zitternde
blendende Haut
Ein Fisch

Er schwimmt nicht fort
Lässt sich greifen
ins Licht holen
hart und kühl
Ein Kieselstein

Er schmeichelt
meiner Hand
Passt
in meine Schleuder

Ich will ihm nachsehen
durch die Luft

Heute
oder morgen
durchdringt er
die Schläfe meines Feindes

Ich schwitze vor Angst
Laut schreit das Volk
seinen Jubel
und ich
ich bin sein Held

Aber
hier ist kein Feind

Nur immer
das Rauschen

sprachlos
gleißend hell

 

 

3

feuerlied

 

Gesegnet sollst du sein
sagte einer

Nachts
mit geschlossenen Augen
sah ich ihn

Er trug ein Gefäß
Ihr alle blicktet freundlich
auf mich

Im Schein des Feuers nannte er mich
den künftigen König

Warum

Wer war ich da
im Schlaf

Wen salbte er mit seinen Händen
die ich spürte

Wars nur
eine Verwechslung

Aber er sang
mein eigenes mein halb geträumtes Lied

Wo will das hinaus
Ist er ein Schattenräuber

Sollen auch sie gesegnet sein
Schatten der Wörter
die aus tausend unbekannten Mündern
ins Buch des Königs
geflossen sind

Zikade spricht Amen

Hinter dem Funkenflug
ist mein Bote verschwunden
im nächtlichen Wind

 

copyright by michael herrschel (gema-nr. 704152)

    

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