terminetexteprogrammeechovitakontaktstartseite   

 

michael herrschel:
hijacking my flute

 

Ich liebe die Vormittage.
Ihre kostbaren abgezählten
ungestörten Minuten.

Wenn alle fort sind,
und die Türe ist fest
ganz fest hinter ihnen
geschlossen. So…

Jetzt endlich frei!

Und mit federnden Schritten
durch den Raum.

Jetzt: die Arme ausbreiten.
Auf Zehenspitzen zur
Decke strecken.
Mit Schwung um die
eigene Achse drehen.
Tanzen. Ja… Ja…!

Bis mir schwindlig wird.
Bis die Wangen brennen.

Ich lass mich fallen
in den Sessel.

Greife in mein Versteck.
Ziehe aus dem Etui
das Instrument.

Ich lege meine Finger
auf Löcher und Klappen.

Setze meine Lippen
an die scharfe Kante.
und atme aus. Ganz lang.

Verströme mich in Gedanken.
Fliege durch den Raum. Schlüpfe
vorsichtig zum Fenster hinaus.

Ich häng mich ins
Efeu an der Hauswand.
Ich sause, und die
Fensterläden klappern.
Ich nehme Anlauf
und segle hinüber
in die Baumkrone.

Ich kneife Blätter ab.
Treibe sie übers Dach.
Purzele singend auf und ab:
hinunter zum Kopfsteinpflaster
und hoch zu den Vogelnestern.
Und niemand, niemand
soll mich erkennen!

Niemand auch nur ahnen
was für eine Lust ich fühle:
Musik zu sein!
Und sonst nichts!
Nichts!

– – – – – – – – – – – – – –


Hilfe!
Vertraute Schatten
sind hinter mir her.
Wollen mich fangen.
Mich festhalten.
Ersticken!

Die Türe geht.
Über die Treppe
knarzen Schritte.
Ich sitze angewurzelt
fest in diesem Sessel.

Die Schatten kommen
mich zu bestrafen, weil
ich Verbotenes tue.

Sind keine Geister da
uns mitzunehmen
durchs offene Fenster:
meine Flöte und mich?

Das ist es! Ich hab verstanden!
Mache mich klein und schlank.
Schlüpfe in die lange dünne Bohrung
des Flötenrohres. Als Atemsäule
umhüllt von glänzender Haut.

Euch Elstern da draußen
muss das blinkende Silber
jetzt in die Augen stechen.
Was zögert ihr?

Wie? Ihr wollt keine Diebinnen sein?
Aber entführen könnt ihr mich doch!
Die Silberflöte mit den Krallen packen,
festhalten und dann im Flug abwerfen
auf das größte Schiff drunten am Fluss.

Das trägt mich fort in ferne Länder.
Und unterwegs mühen sich vergebens
andere Hände und andere Lippen
an meiner Flöte.

Keinen Ton wird sie
von sich geben.
Denn ich warte ihn ihr.
Bis es mir gefällt
herauszufahren als eine Schlange.

Dann beiße ich diese Hände
und steche diese Lippen
und verwandle mich wieder
in den Menschen, der ich bin,
um vor den Wellen des Meeres
zu spielen, immer zu spielen.

Ich träume davon.
Aber ihr, die das hört,
werdet nicht mehr gefangen sein.
Werdet frei sein zu gehen
wohin immer ihr wollt.

 

copyright by michael herrschel (gema-nr. 704152)

    

terminetexteprogrammeechovitakontaktstartseite